
In dem 1983 erschienenen Aufsatz Traditionelle und moderne Ästhetik in ihrem Verhältnis zur Praxis der Kunst zog ich erstmals ein Resümee meiner ästhetikkritischen Auffassungen. Meine These war, daß gerade die `große' Kunstphilosophie bzw. Ästhetik der Kunst nicht gerecht wird, weil sie erstens mehr an der Etablierung eines generellen Begriffs von Kunst als an der Analyse einzelner Werke interessiert ist, und weil sie zweitens - von Kant über Hegel bis zu Adorno - die Kunst überwiegend dazu benützt, der Philosophie aus bestimmten Klemmen herauszuhelfen anstatt die Vorentscheidungen, die zu diesen philosophischen Problemknoten führen, zu kritisieren und zu überwinden. Die traditionelle Kunstphilosophie und Ästhetik stellen eher philosopische Aneignungs- und Bemächtigungsunternehmen der Kunst dar, als daß sie deren Eigenes exponieren und wahren würden.
Beides lief auf eine Kritik der Phänomenologie hinaus. Denn zwar scheint die Phänomenologie diejenige philosophische Richtung zu sein, die der Einsicht in die Sinnlichkeit des Sinns am nächsten steht; gleichwohl verfehlt sie diese Einsicht (zumindest in ihrer Husserlschen Version) schmerzlich. - Später begriff ich, daß dieser Versuch von 1974 eine Art Parallelaktion zu Derridas Kritik an der Phänomenologie und der traditionellen Sinnauffassung darstellte. Auch meine Analysen waren gegen das Phantom eines reinen Sinnes gerichtet, nur daß ich dagegen nicht, wie Derrida, im Namen von Materialität, sondern von Sinnlichkeit Einspruch erhob; ebenso entwickelte ich den Gedanken der Unabschließbarkeit der Sinnprozesse nicht von einem Theorem der différance, sondern von den Strukturen des Sinnlichen aus. Ich war - ohne es zu wissen (Derridas Schriften kannte ich damals noch zu wenig) - ein Dekonstruktivist der metaphysischen Sinnauffassung vom Sinnlichen aus.
In zwei Aufsätzen zu Dubuffet (An den Grenzen des Sinns, 1979) und Leonardo da Vinci (Das Zeichen des Spiegels. Platons philosophische Kritik der Kunst und Leonardo da Vinci künstlerische Überholung der Philosophie, 1983) entwickelte ich das Thema des sinnlichen Sinns - wiederum kunstanalytisch und philosophiekritisch zugleich - weiter. Ich suchte zu zeigen, daß die Philosophie in der Frage der Sinnkonstitution zwar viel von der Kunst zu lernen vermöchte, daß sie aber gerade, um an ihrem traditionellen Konzept eines reinen Sinns festhalten zu können, die einschlägigen Impulse der Kunst übersieht bzw. bannt. Dubuffet wurde als bildnerischer Phänomenologe der Sinnlichkeit, Leonardo als Praktiker und Theoretiker einer explizit antimetaphysischen Sinnerfahrung interpretiert.
Erstens ist sinnlicher Sinn für Aristoteles voller und als solcher unüberbietbarer Sinn. (Aristoteles zeigt das sogar am Fall der sogenannten Sinnestäuschungen: nicht die Wahrnehmung irrt sich dabei - der Kranke erfährt, wenn Honig für ihn bitter schmeckt, tatsächlich `bitter' und nicht etwa `süß' -, sondern nur das Urteil, daß dieses Sinnesprädikat dem Gegenstand zuzuschreiben sei, ist falsch.) Zweitens konnte ich nachweisen, daß die vorgeblich Aristotelische Lehre vom "Gemeinsinn" - mit der nach üblicher Auffassung die sinnvolle und nötige Unterordnung der Sinnestätigkeit unter den Verstand ihren Anfang nimmt - auf nichts anderem als einem philologischen Irrtum beruht und gänzlich unaristotelisch ist. Drittens zeigte sich, daß Aristoteles über den sinnesbezogenen Wahrnehmungsbegriff hinaus auch einen generellen Wahrnehmungsbegriff einführt und diesem große Bedeutung zuschreibt; zu jeder Erkenntnisart - ob theoretisch oder praktisch - gehört ein eigener Typ des Wahrnehmens, der für diese Erkenntnisart eine konstitutive Rolle spielt, so daß Sinn sich allenthalben einer Wahrnehmungstätigkeit verdankt, anders gesagt: Sinn ohne Wahrnehmung nirgendwo existiert.
In dem Buch Ästhetisches Denken von 1990 habe ich - im Blick auf die heutigen Gegebenheiten - das Verhältnis von Wahrnehmen und Denken neu zu bestimmen versucht. Ich plädierte für ein ästhetisches Denken, d.h. für ein prinzipiell aisthesis-bezogenes Denken, das allenthalben mit Wahrnehmung im Bunde und von daher in besonderer Weise zum Begreifen der heutigen Wirklichkeit befähigt ist. Im Ausgang von dem Befund, daß bei vielen der heute prominenten Philosophen Wahrnehmungsvollzüge für das Denken eine wichtige Rolle spielen, habe ich erstens den eigenen Typus ästhetischen Denkens präzis zu bestimmen versucht: ästhetisches Denken geht in seiner Wirklichkeitsdiagnostik von Wahrnehmungen und Beobachtungen aus und prüft dann reflektierend, inwieweit im Ausgang von ihnen ein Begreifen der Wirklichkeit im ganzen möglich wird; zweitens konnte ich die besondere Erkenntniskraft ästhetischen Denkens für die heutigen Verhältnisse dadurch erklären, daß die heutige Wirklichkeit selbst weithin ästhetisch konstituiert ist, so daß ästhetische Verfahren zum adäquaten Medium der Erkenntnis solcher Wirklichkeit werden; drittens habe ich angesichts der globalen Ästhetisierungsprozesse, in denen wir uns heute befinden, auf die Gefahren eines Umschlags von Ästhetisierung in Anästhetisierung aufmerksam gemacht.
Ein 1996 erscheinendes Buch mit dem Titel Spannungen des Ästhetischen wird diese Perspektive unter drei Gesichtspunkten weiterführen. Erstens weise ich im Tableau diverser Ästhetisierungsprozesse auf die epistemologische Ästhetisierung als den grundlegendsten Ästhetisierungsvorgang hin: unsere Erkenntnisweisen entpuppen sich zunehmend als in ihrer Grundschicht ästhetisch; man kann dies einen `aesthetic turn' nennen; er bildet meines Erachtens das unabweisbare Vermächtnis der Moderne. Zweitens behandle ich den Einfluß der durch die neuen elektronischen Medien bedingten Ästhetisierung auf unser alltägliches Wirklichkeitsverständnis und Verhalten; dabei weise ich - im Gegensatz zur traditionellen Kulturkritik - auf positive Wirkungen dieser neuen Kulturtechnik für das individuelle wie gesellschaftliche Leben hin. Drittens skizziere ich ein Programm, wie Ästhetik heute durchgeführt werden könnte: unter Berücksichtigung der vielfältigen außerkünstlerischen Ästhetisierungsprozesse und der Veränderungen in der Konstellation und Hierarchie unserer Sinne und Wahrnehmungsformen; in grundsätzlicher Transdisziplinarität; und vor allem mit der Bereitschaft, gerade auch die außerkünstlerischen Verflechtungen und Wirkungen der Kunst zu analysieren. Es ist meine Überzeugung, daß viele ältere und zeitgenössische Formen der Kunst nur dann adäquat verstanden werden können, wenn man die in ihnen ausgetragene Dialektik innerkünstlerischer und außerkünstlerischer ästhetischer Optionen ins Auge faßt und begreift. Kurzum: nicht nur wegen der erweiterten zeitgenössischen Bedeutung des Ästhetischen außerhalb der Kunst - also in Bereichen wie Lebenswelt und Politik, Ökonomie und Ökologie, Wissenschaft und Erkenntnistheorie - gilt es das Feld der Ästhetik zu erweitern, sondern eine solche Öffnung ist schon um des konventionellen Kernthemas der Ästhetik, um der Kunst selbst willen geboten.
Wolfgang Welsch
Institut für Philosophie
Otto-von-Güricke Universität
Magdeburg
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